Verlegung von 3 Stolpersteinen - Hammerkamp 1 Kierspe

nach Recherche von Ira Zezulak-Hölzer (Stadtarchiv Meinerzhagen), Hermann Reyher und Rolf Janßen

   
Heinrich Racher senior Bahnhof mit Haus Hammerkamp 1

 

Wir denken an Heinrich Rachel senior

 

  • Geboren 1880 in Wuppertal-Barmen als Sohn eines Werkmeisters
  • Beruf Metzger und Viehhändler
  • 1904 Eheschließung mit Luise, geborene Klüppelberg, aus Benninghausen
  • Im selben Jahr Kauf des Wohnhauses Kierspe, Hammerkamp 1, von Fritz Brüninghaus. Hier wohnt er bis zu seinem Tod 1959
  • Geburt der Söhne Hans 1905 und Heinrich 1907
  • 1906 Bau des Hauses Kölner Straße 57 mit Metzgerei und Wohnungen
  • 1924 Mitbegründer des „Allgemeinen Schützen-Vereins für Kierspe-Bahnhof & Umgebung“ und als Hauptmann Beisitzer des Vorstandes
  • Tod der Ehefrau Luise Rachel im Jahr 1928, Aufgabe und Verpachtung der Metzgerei und Beschränkung auf den Viehhandel
  • Laut Heiratsregister heiratet der Witwer Heinrich Rachel, evangelischer Religion, 1930 die Witwe Bertha Heß, geborene Benjamin, jüdischer Religion
  • Bertha Rachel zieht mit Erich Heß, ihrem elfjährigen Sohn aus erster Ehe, zum Hammerkamp 1 (damals Nordstraße
  • Ab April 1933 Behinderungen in der Geschäftsausübung als Viehhändler aufgrund seiner Ehe mit einer jüdischen Frau
  • Heinrich Rachel wird bedrängt, sich von seiner Ehefrau scheiden zu lassen. Er widersteht dieser Bedrängnis und hält seiner Ehefrau die eheliche Treue
  • Hierauf entziehen ihm die Behörden 1936 die Viehhandels-genehmigung und zerstören damit seine Existenzgrundlage
  • 1938 „Dienstverpflichtung“, das heißt Zwangsarbeit, des früher selbständigen Viehhändlers als Hilfsarbeiter zunächst bei der Firma Pollmann in Vollme und anschließend bis zum Kriegsende bei der Meinerzhagener Rüstungsfirma Otto Fuchs
  • Ab Januar 1939 erhalten Ehefrau Bertha und Erich Heß die Zusatznamen Sara bzw. Israel, um sie als Juden kenntlich zu machen
  • Ab September 1941 müssen die beiden den gelben Judenstern in der Öffentlichkeit tragen
  • 28. April 1942 Deportation des Stiefsohnes Erich Heß mit der Reichsbahn vom Kiersper Bahnhof nach Dortmund und von dort am 30. April 1942 ins Getto nach Zamosc im damaligen deutschen Generalgouvernement
  • Bertha Rachel stirbt am 19. Mai 1943 in ihrer Wohnung
  • Als Todesursache vermerkt das Sterberegister „Blutvergiftung“
  • Die örtlichen Behörden verweigern Heinrich Rachel die Beerdigung seiner jüdischen Frau in Kierspe, worauf er ein Grab in seinem Garten aushebt
  • Daraufhin wird ihm genehmigt, sie auf dem zerstörten und geschändeten neuen jüdischen Friedhof in Meinerzhagen an der Heerstraße zu beerdigen
  • Mit Hilfe der Nachbarn Heukelbach und Koch beerdigt Heinrich Rachel hier seine Frau Bertha
  • Wiederverheiratung am 15. April 1944 mit Elisabeth Düssel, geborene Biehl, aus Wuppertal-Langerfeld
  • Nach dem Untergang des sogenannten „1.000-jährigen Reiches“ 1945 erhält Heinrich Rachel im Alter von 65 Jahren wieder die Viehhandelsgenehmigung, allerdings zunächst nur mit Einschränkungen
  • Bedingt durch die wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahre und auch durch sein Alter gelingt ihm der Wiederaufbau seines Viehhandelsgeschäftes nicht mehr
  • Es beginnen jahrelange Auseinandersetzungen mit der Amtsverwaltung Kierspe und der Kreisverwaltung Altena um seine Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus. Dabei unterstützt ihn die Ortsgruppe Kierspe-Bahnhof der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)
  • 1949 wird Heinrich Rachel durch den Regierungspräsidenten in Arnsberg als rassisch Verfolgter anerkannt und erhält eine lebenslange Rente
  • 1956 verstirbt seine dritte Ehefrau Elisabeth
  • Heinrich Rachel stirbt 1959 im Alter von 79 Jahren

 

 

Bertha Rachel, verw. Heß. geb. Benjamin (rechts)

(mit unbekanntem Besucher Haus Hammerkamp 1)

 

 

Wir denken an Bertha Rachel, verwitwete Heß, geborene Benjamin

 

  • Geboren 1879 in Birnbach/Westerwald, Kreis Altenkirchen
  • Ihr Vater ist Ackerer und Krämer, das heißt Landwirt und Kaufmann
  • Bertha ist von Beruf Köchin und wohnt vor ihrer Eheschließung in Solingen
  • 1916 Eheschließung mit dem 1867 geborenen Witwer und Viehhändler Hermann Heß, dessen erste Ehefrau Lina, geborene Stern, 1913 verstorben war
  • Die Eheleute sind mosaischer Religion und wohnen im von Hermann Heß 1912 errichteten Wohn- und Geschäftshaus in Wildenkuhlen, Gemeinde Kierspe. Das Haus führte zuletzt die Bezeichnung Kölner Straße 145, beherbergte seit 1974 die Kiersper Polizeiwache und wurde 2004 abgerissen
  • 1917 Geburt des Sohnes Kurt Adolf, der im Alter von 10 Monaten verstirbt und auf dem jüdischen Friedhof in Meinerzhagen beerdigt wird
  • 1919 Geburt des Sohnes Erich Heß, mosaischer Religion, in Wildenkuhlen
  • Ehemann Hermann Heß verstirbt 1926 im Alter von 58 Jahren
  • Bertha Heß verkauft den rechten Gebäudeteil ihres Hauses (ehemaliger Stall) an Alfred Apel und 1928 den linken Gebäudeteil (Wohnhaus mit zwei Wohnungen) an Alfred Prüschenk
  • Laut Heiratsregister 1930 heiratet sie den Witwer Heinrich Rachel, evangelischer Religion
  • Bertha Rachel zieht mit ihrem inzwischen elfjährigen Sohn Erich Heß in das Wohnhaus von Heinrich Rachel, Hammerkamp 1
  • Ab 1933 Jahre der Demütigung, Entrechtung und wirtschaftlichen Not während der Zeit des Nationalsozialismus
  • Ab 1939 muss Bertha Rachel den Zusatznahmen „Sara“ führen
  • 1940 kehrt ihr Sohn Erich Heß aus Wilhelmshaven kommend wieder in sein Elternhaus Hammerkamp 1 zurück
  • Bertha Rachel und ihr Sohn Erich müssen ab September 1941 den gelben Judenstern in der Öffentlichkeit tragen
  • 28. April 1942 Deportation ihres inzwischen 23 Jahre alten Sohnes Erich Heß mit der Reichsbahn vom Bahnhof Kierspe nach Dortmund, von dort am 30. April 1942 ins Getto nach Zamosc im damaligen deutschen Generalgouvernement
  • Das Schicksal ihres Sohnes und die tägliche Angst, selbst deportiert zu werden, nehmen ihr den Lebensmut. Sie verweigert das Essen und stirbt am 19. Mai 1943 im Alter von 63 Jahren. Im Sterberegister ist ihre Religion mit „israelitisch“ und die Todesursache mit „Blutvergiftung“ angegeben
  • Ihr Leichnam wird mit Hilfe von Nachbarn auf dem zu diesem Zeitpunkt zerstörten und geschändeten neuen jüdischen Friedhof in Meinerzhagen an der Heerstraße beerdigt. Eine Grabstätte gibt es nicht, die genaue Bestattungsstelle ist unbekannt

 

Klassenfoto - Erich Heß (2. Reihe erster rechts) Erich Heß im hinterem Boot (mitte)

 

Wir denken an Erich Heß

 

  • Geboren 1919 in Wildenkuhlen, Gemeinde Kierspe
  • Besuch der Pestalozzischule in Kierspe-Bahnhof von 1925 bis 1933
  • 1926 stirbt sein Vater Hermann Heß in Wildenkuhlen im Alter von 58 Jahren
  • Seine Mutter Bertha Heß verkauft das Elternhaus in Wildenkuhlen und heiratet 1930 den Viehhändler Heinrich Rachel. Er und seine Mutter ziehen in dessen Wohnhaus Hammerkamp 1
  • Erich Heß hat den Wunsch, wie seine Altersgenossen der Hitlerjugend beizutreten, wird aber abgewiesen
  • Ab 1935 ist ihm eine berufliche Ausbildung oder Tätigkeit nur noch bei jüdischen Arbeitgebern erlaubt, die es in Kierspe nicht gibt
  • Um sich den örtlichen Drangsalierungen zu entziehen, verlässt Erich Heß Kierspe
  • Seine Spur findet sich wieder in Wilhelmshaven, wo er sich am 7. November 1938 aus Weener an der Ems kommend anmeldet
  • Nur wenige Tage später Verhaftung von Erich Heß in Wilhelmshaven im Zuge der Geschehnisse der Reichspogromnacht, in der auch in Wilhelmshaven die Synagoge am 10. November 1938 zerstört wird
  • Er wird in „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg mit der Häftlingsnummer 10134 im Häftlingsblock 42 eingeliefert
  • Vor seiner Entlassung nach Wilhelmshaven am 5. Januar 1939 wird ihm, wie auch allen anderen Mitgefangenen, eröffnet, dass er Deutschland innerhalb kürzester Zeit zu verlassen habe
  • In Wilhelmshaven wohnt er bei jüdischen Familien in der Annenstraße und der Paulstraße. Seine Tätigkeit wird mit Kutscher angegeben
  • Der Standesbeamte der Amtsverwaltung Kierspe trägt am 11. Januar 1939 im Geburtseintrag von Erich Heß ein: „Gemäß der Verordnung vom 17. August 1938 führt Nebenbezeichneter zusätzlich den Vornamen „Israel“
  • Am 23. Februar 1940 zieht Erich Heß von Wilhelmshaven wieder nach Kierspe in sein Elternhaus Hammerkamp 1
  • Ab September 1941 muss auch Erich Heß den gelben Judenstern in der Öffentlichkeit tragen
  • Mit dem Judenstern auf der Kleidung sucht er Hilfe zur Flucht aus Deutschland in die USA bei den Eheleuten Dr. Wernscheid in Kierspe
  • Oktober 1941 Anordnung des Reichsführers der SS und Chefs der Deutschen Polizei, dass die „Auswanderung“ von Juden mit sofortiger Wirkung zu verhindern ist
  • Die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ ist bereits beschlossene Sache
  • 28. April 1942 Deportation mit der Reichsbahn vom Bahnhof Kierspe, gemeinsam mit acht Meinerzhagenern, nach Dortmund
  • 30. April 1942 Weitertransport mit der Reichsbahn in einem Personenzug ab Südbahnhof Dortmund nach Zamosc im damaligen deutschen Generalgouvernement
  • Ankunft am 3. Mai 1942 in Zamosc und Unterbringung unter anderem im jüdischen Getto. Dort war zuvor Platz geschaffen worden durch die Ermordung der polnischen jüdischen Bevölkerung.
  • Hier verliert sich die Spur von Erich Heß. Dies bedeutet: Ermordung durch das eigene Vaterland
  • Von den 791 ab Dortmund am 30. April 1942 Deportierten kehrte niemand zurück

 

 

 

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