Rede zum Holocaust-Gedenktag am 27.1.2014 am Gedenkstein für die ermordeten und verfolgten jüdischen Mitbürger in Meinerzhagen

 „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Das sagte der frühere Bundespräsident Herzog 1996 zur Proklamation des Holocaust-Gedenktages. Bezogen ist dieser Gedenktag auf die Befreiung des KZs Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.

Es geht also am heutigen Gedenktag darum, „eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt.“ In diesem Sinne sind die Solpersteine, die wir im letzten Jahr unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Meinerzhagen verlegen konnten, sicher ein hervorragender Beitrag. Sie bringen die Erinnerung ganz konkret in unsere Stadt und können auch unabhängig von Gedenktagen das ganze Jahr über wirken. Vor allem für die Schulen sind sie eine gute Möglichkeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Ursachen für solche grauenhaften Völkermorde verstehen zu lernen, um Ähnliches in der Zukunft zu verhindern.

Die Ursachen dafür, dass in einem Kulturvolk in nur wenigen Jahren eine barbarische Herrschaft entstehen konnte, die die Welt in dieser Form noch nicht gesehen hatte, sind sicher vielfältig. Ich möchte nur einen Faktor herausgreifen, der immer wieder zur Gefahr wird und der bei allen Menschen zu finden ist: die Bedeutung der Gruppe.

Wir alle gehören vielfältigen Gruppen an. Wir werden schon in die kleine Gruppe der Familie hineingeboren und erfahren, dass sie lebenswichtig ist. Auch in der Stammesgeschichte der Menschen waren die Horde, die Gruppe und der Stamm die wichtigsten Faktoren zum Überleben. Wie neuere Forschungen zeigen, war die Art der Gruppe in den Jahrhunderttausenden unserer Entwicklung ein ganz bedeutender Faktor. Gruppen, die zusammenhielten und in denen man sich um einander kümmerte, hatten die größten Überlebenschancen. Alle, die nicht zur eigenen Gruppe gehörten, waren eine Bedrohung. Mitglieder Fremder Stämme wurden oft nicht als Menschen angesehen. Das steckt uns im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Knochen. Dagegen kommen wir mit dem einfachen Gedanken, dass alle Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben, nicht so leicht an.

Ich habe von Kopfjägern in Neu-Guinea gelesen, die untereinander friedlich und fürsorglich waren, aber ein Mitglied eines anderen Stammes braten und genüsslich verspeisen konnten.
Nun werden sie sagen, dass sind Primitive, was haben wir damit zu tun und ich habe auch erst überlegt, ob ich das Beispiel bringen soll. Aber was unter der Naziherrschaft geschehen ist, war das nicht wenigstens genauso primitiv? Aber in einer Dimension, dass man es kaum fassen kann.

Es waren ja auch nicht nur die Menschen in den Vernichtungslagern. Heute um 14 Uhr bei der Gedenkfeier im Reichstag wird der 95järige russische Schriftsteller Daniel Granin sprechen. Er ist Überlebender der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, bei der über eine Millionen Zivilisten einfach verhungert sind.

Nun geht es mir nicht darum, dass wir uns über unser Väter- und Großvätergeneration erheben. Wichtiger ist, dass wir uns selbst in den Blick nehmen. Wir sollten auf uns selber achten. Wie verhalten wir uns Menschen gegenüber, die nicht zu unserer Gruppe gehören?
Das fängt unter Umständen schon im Kindergarten an und zieht sich durch unser ganzes Leben: wir lehnen Menschen, die anders sind ab, Fremde lehnen wir ab, weil sie uns Angst machen, Menschen aus anderen Ländern und Kulturen, die bei uns wohnen und arbeiten, sehen wir als Bedrohung an. Argumente, dass diese Menschen für uns eine große Bereicherung sind und wir sie dringen brauchen, dringen da oft nicht durch. Mit dieser Ablehnung und dieser Angst kann man sogar sehr erfolgreich Wahlkampf machen. Da helfen keine Gegenargumente. Diese Ängste stecken eben tief in uns drin und brauchen bloß wachgerufen werden.

Jetzt sind wir aber vielleicht schon wieder bei den anderen. Wenn wir uns selbst anschauen und ehrlich sind, stellen wir vielleicht fest, dass auch wir Angst vor Fremden habe und Mitglieder andere Gruppen ablehnen. Das fängt ja schon bei Fußballfans an. Sprechen Sie mal bei einem der zahlreichen sauerländischen Schalkeanhängen über den BVB oder umgekehrt. Solange das ein Spiel ist und nicht so ernst genommen wird, ist das natürlich harmlos und jedem zu gönnen. Aber bleibt es immer dabei?
Wie ist es mit Religionen und Konfessionen? Wie sieht ein evangelischer Christ einen katholischen, auch wenn er mit Religion nicht mehr viel am Hut hat. Fragen sie sich mal ehrlich. Ganz zu schweigen in Bezug auf Muslime oder politischen Gegnern.

Über das, was wir empfinden, können wir nicht einfach bestimmen – wir  sollten es auch nicht verdrängen, auch Angst kann man nicht einfach wegschieben – entscheiden ist, dass wir erkennen, wo unsere Angst und unsere Vorurteile tatsächlich herkommen. In den Schulen und Jugendgruppen müsse mit  Rollenspielen und Experimenten solche Erkenntnisse erfahrbar gemacht werden. Ein solches Bewusstsein zu schaffen, ist ein der wichtigsten Aufgaben der Schulen.
Hoffnung macht mir, wenn ich die gute Mitarbeit der Schulen bei unserem Stolperstein-Projekt sehe.

Text: Herbert Langenohl  Fotos: Christina Först

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Holocaustgedenktag 2013 in Meinerzhagen

Ein Beitrag von Rolf Janßen
 
 

Sonntag, 2013-01-27: Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1996 durch Proklamation des Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt. An diesem Tag befreiten im Jahr 1945 Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Die Vereinten Nationen erklärten diesen Tag 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Aus diesem Anlass hatte die „Initiative Stolpersteine Meinerzhagen“ zu einem Treffen am Jüdischen Denkmal an der Kirchstraße (früher Adolf-Hitler-Platz) und zu einer anschließenden Wanderung zum Ort der Ghettoisierung der Meinerzhagener Juden in Werlsiepen eingeladen.

Unter schwierigen Wetterverhältnissen begrüßte Herbert Langenohl die kleine Teilnehmerschar. Sie bestand aber nicht nur aus bekannten Gesichtern, vielmehr waren  u.a. auch Schülerinnen des Evangelischen Gymnasiums Meinerzhagen darunter. Langenohl zitierte die seinerzeitige Proklamation Herzogs:

„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

„Dazu sind die Stolpersteine besonders geeignet, sie erinnern uns täglich im Alltag an die Opfer und nicht nur einmal im Jahr an einer bestimmten Stelle“, führte Langenohl aus. Ferner ging er auf die Bedeutung und die Geschichte der Ghettos ein (hebr.: Absonderung). 

Die Führung zum Werlsiepen übernahm stellvertretend für die verhinderte Beate Hoppe Rolf Janßen. Am Beispiel von Max Rosenthal erläuterte er die Leidensgeschichte der Meinerzhagener Juden.  

Die Absonderung von der übrigen Bevölkerung und die Verbringung nach Werlsiepen geschah für ihn und vier weitere Leidensgenossen am 26.09.1941. Zwei weitere Frauen folgten später am 28.03. und 23.07.1942. Der September 1941 war der Monat, in dem alle Juden gezwungen wurden, den Judenstern zu tragen. Zwei Familien durften noch in ihren ehemals eigenen und inzwischen arisierten Wohnhäusern  Hauptstraße 32 und  Kirchstraße 5 verbleiben.

Der Weg der Wandergruppe führte über die Kirchstraße, die Hauptstraße und die Oststraße  bis zur Ampelkreuzung (früher Gasthof Dönneweg). Dort ging es in den Siepener Weg. Anhand von alten Fotos verdeutlichte Ortsheimatpfleger Chris Riederer den Teilnehmern die seinerzeit einsame Lage des Gebäudes in Werlsiepen. 

Die Ghettoisierung diente der Vorbereitung der Deportationen. Am 28. April 1942 wurde Max Rosenthal zusammen mit  7 Meinerzhagenern  zunächst nach Dortmund deportiert. Vom dortigen  Südbahnhof ging es am 30. April 1942 in einem Deportationszug mit insgesamt 791 Deportierten ins Ghetto nach Zamosc/Ostpolen im damaligen Generalgouvernement, wo sie am 03. Mai 1942 ankamen. In der Nähe befanden sich die Massenvernichtungslager Treblinka und Sobibor. Von den 791 kehrte niemand zurück. Die Amtsverwaltung Meinerzhagen vermerkte auf der Einwohnermeldekarte gemäß der Anweisung der Geheimen Staatspolizei Dortmund vom 25. März 1942: „28.04.42 n. unbekannt verzogen“.

Die Wohnungen bzw. die Wohnräume der Deportierten wurden verschlossen und versiegelt. Im Juni 1942 verkaufte die Amtsverwaltung Meinerzhagen im Auftrag des Deutschen Reiches das Wohnungsinventar, u.a. von Max Rosenthal ein komplettes Bett sowie diverse Herrenwäsche (Oberhemden, Unterwäsche etc.) für 110,-- RM. Der Erlös ging zugunsten des Deutschen Reiches an das Finanzamt Lüdenscheid.

Mit dieser für sich sprechenden Schilderung endete der Gang nach Werlsiepen.

Die „Initiative Stolpersteine Meinerzhagen“ plant, neben weiteren für Max Rosenthal und seine Familie im Juni 2013 fünf Stolpersteine vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz Hauptstraße 15 zu verlegen. So wird die Familie dort symbolisch wieder zusammengeführt. 

 

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